Sonae

I Started Wearing Black

Monika Enterprise M91LP
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„Die Art der Melancholie, die mir vor Augen steht, zeichnet hingegen nicht Resignation aus, sondern vielmehr die Weigerung nachzugeben – das heißt die Weigerung, sich dem anzupassen, was unter den gegenwa¨rtigen Bedingungen »Realita¨t« heißt, selbst um den Preis, sich in dieser unserer Gegenwart als Außenseiter zu fu¨hlen...“

So skizziert Mark Fisher in „Gespenster meines Lebens“ eine, um es mit einem großen Wort zu sagen: widersta¨ndige Melancholie, in Abgrenzung zu „linksmelancholischer Resignation“. Und – wovon Fisher nicht spricht - ihrem unter Ma¨nnern verbreiteten Pendant: dem habituell postlinken Zynismus – alles schon gesehen. Fisher nennt das hauntologische Melancholie. To haunt ist das englische Wort fu¨r herumgeistern, spuken und heimsuchen. Es spukt, geistert, gespenstert und heimsucht fast permanent auf „I Started Wearing Black“, dem zweiten Album der Ko¨lner Ku¨nstlerin Sonae (gesprochen so nahe). Hauntology teilt ja mit Retrofuturismus das Schicksal des inflationa¨ren Ge- und Missbrauchs. Ein Begriffscontainer, der gut aussieht, in den viel reinpasst, zu viel. Zudem hat Hauntology seine Hauptsaison hinter sich, ein Terminus an der Schwelle des Haltbarkeitsdatums. Dennoch mo¨chte ich Hauntology rehabilitieren, wieder ins Recht setzen, um „I Started Wearing Black“ zu charakterisieren, denn selten traf der Begriff eine Musik so zwingend wie hier, zuletzt bei „Asiatisch“ von Fatma Al Qadiri, allerdings in einem komplett anderen Bezugssystem. Was sind die Gespenster dieser Musik? Es rauscht, knistert, kruschpelt, knirscht, klappert, schabt, mal scha¨lt sich ein Beat heraus aus dem Dauerrauschen, mal murmelt eine obskure Stimme Unversta¨ndliches, mal wird die Melancholie einer Pianofigur vom Rauschen daran gehindert, sich zu sehr in den Vordergrund zu spielen. Eerie, um einen anderen Ausdruck, den Fisher im Titel seines letzten Buches verwendet, ins Spiel zu bringen. »The Weird and the Eerie« ist notwendigerweise unzula¨nglich u¨bersetzt mit „Das Seltsame und das Gespentische“. Im britischen Popjargon kam mir eerie erstmals ha¨ufiger unter, wenn es um besonders abseitigen, spukigen, nun ja, gespenstischen Dub ging, um bassiges Echorauschen, von Augustus Pablo u¨ber Creation Rebel bis Burial.

Anders als auf den Wald & Wagner-Platten von Wolfgang Voigt handelt es sich bei Sonae nicht um einen neoromantisch verhu¨llenden, tendenziell eskapistischen Rauschnebel. Es ist mehr ein Rauschen der Latenz. Das Rauschen signalisiert eine latente – nicht notwenigerweise akute - Bedrohung, ein latentes Unbehagen an... ja, an was? Am „System Immanent Value Defect“? So heißt ein Track auf „I Started Wearing Black“, da ka¨mpft etwas, das klingt wie ein Waldhorn (Nebelhorn?) durch oder gegen die Rauschkulisse um Aufmerksamkeit.

Dazu mailt Sonae: „das stu¨ck system immanent value defect sollte eigentlich "i see turkey" heissen. ich hab es fu¨r meine kommolitonin elif geschrieben, einer pianistin und gezi-park-aktivistin aus Istanbul. an ihr habe ich die zerrissenheit und aufgewu¨hltheit miterlebt, die politische umsta¨nde erzeugen ko¨nnen. ihre schuldgefu¨hle, wenn dort attentate passierten, sie als studentin aber sicher in deutschland weilt, ereignisse aus der ferne betrachtend. das war furchtbar. als ihre mutter sie bat, nicht mehr nach hause zu kommen, weil sie angst um sie habe, da ist es mir kalt den ru¨cken herunter gelaufen. - aus dieser stimmung heraus hab ich mit dem stu¨ck begonnen, angefangen am klavier, dazu kam das rauschen (modulierte sinuskurven), das mich an wellen erinnert, das damals hitzig diskutierte mittelmeer. Atmospha¨rische, melancholische motive. dem gegenu¨ber steht die wut, der druck, in entsprechenden kla¨ngen vertreten, hoffentlich ho¨rbar! - in dieser zeit habe ich begonnen u¨ber weltbilder, wie sie rund um den globus zu finden sind, nachzudenken. inwiefern sie von gesellschaften und deren politischen repra¨sentanzen getragen werden. da wurde mir klar, dass mir kein politisches system bekannt ist, in dem es tatsa¨chlich um die menschen geht und das, was ihnen gut tun wu¨rde. es geht immer nur um positionen, macht, geld. das fand ich global betrachtet noch viel erschreckender, als die tu¨rkei in der einzelbetrachtung. darum heisst das stu¨ck "system immanent value defect", weil unsere welt genau darunter leidet: unter einem system immanenten werte defekt. es geht u¨berall um die falschen dinge.“

Zwischen den falschen Dingen gibt es die beglu¨ckenden Momente. Im Titelsong wird nach 184 Sekunden Klappern & Rauschen ein Beat von der Leine gelassen, als wu¨rde der Pfeil vom u¨berspannten Bogen freigegeben, ein beatific relief, falls es sowas gibt. „White Trash Rouge Noir“ ma¨ndert zuna¨chst spooky daher, um sich nach 144 Sekunden in eine entfernte Groß- Cousine von „Yu¨ Gung“ zu verpuppen, allerdings wird hier kein Big Male Ego gefu¨ttert und das Schwarz im Albumtitel ist ein ganz anderes Schwarz als bei den Neubauten. Auch war „I Started Wearing Black“ la¨ngst fertig, als bei den Golden Globes schwarze Roben zum Zeichen des Protests gegen sexuelle Gewalt getragen wurden. Sonae schreibt, dass sie selbst vor einiger Zeit angefangen hat, schwarz zu tragen. Ihre Gru¨nde sind sogenannte private. Sie habe... „...aus einer individuellen situation heraus (liebeskummer) begonnen, schwarz zu tragen (gewichtszunahme und sich-ha¨sslich-fu¨hlen)."

Die politische Dimension von Zunehmen, sich ha¨ßlichfu¨hlen und deshalb schwarz tragen lauert bei „I Started Wearing Black“ zwischen dem Rauschen und wird niemals explizit, selten manifest. Oder Manifest. U¨ber den Track „We Are Here“ schreibt Sonae: „ein stu¨ck fu¨r minderheiten, an dieser stelle im sinne des aktuellen popfeministischen diskurses explizit auch fu¨r frauen - we are here sagen ku¨nstlerinnen schon lange laut und deutlich, electronic music is not a boys club! - aber dieses popfeministische moment soll nur ein partikel der widmung des stu¨cks sein. es ist fu¨r minderheiten, die unterdru¨ckten, die zu wenig geho¨rten.“

Klaus Walter

Sonae: I Started Wearing Black

Majority Vote Sonae 4' 20''
Rust Sonae 4' 40''
Dream Sequence (With Gregor Schwellenbach) Sonae 5' 42''
Soul Eater Sonae 5' 52''
I Started Wearing Black Sonae 6' 35''
White Trash Rouge Noir Sonae 4' 29''
System Immanent Value Defect Sonae 6' 09''
We Are Here Sonae 5' 32''

Auch schön: